

Wenn ein Großer jemanden lobt, dann macht er ihn damit gleich auch ein bisschen größer. Und wenn der vielfach ausgezeichnete und vom Feuilleton gepriesene Clemens Meyer sagt, dass das, was sein Kollege Finn-Ole Heinrich schreibt „hard stuff“ sei und dass genau so etwas gebraucht werde, dann wächst der Hamburger Autor Heinrich damit literaturbetriebstechnisch ein paar Zentimeter. Noch ein paar, müsste man genauer sagen. Heinrich war auch vor dem Meyer-Lob schon gewachsen, hat einige Preise gewonnen und gelobte Texte geliefert. Jetzt ist sein Erzählungsband „Gestern war auch schon ein Tag“ erschienen, mit der Clemens-Meyer-Werbung drauf.
Meyer und Heinrich sind sich in einem ganz ähnlich: Sie schaffen Sympathie oder zumindest Verständnis, wo man dieses Lesegefühl eigentlich nicht erwarten würde. Meyers Roman „Als wir träumten“ ist vor allem deshalb so großartig, weil man während der Lektüre unglaublich vieles fühlt und denkt, aber nie das Wort „jugendliche Gewalttäter“. Und doch geht es um genau die. Sie sind einem so nah in diesen Träumer-Szenen, auf eine seltsam-angenehme Art begreift man, warum sie genau das tun, was sie gerade tun. Prügeln ist in dieser Welt des Boxers Meyer etwas ganz anderes als in den Zeitungsproblemspalten.

In seiner Erzählung „Samstags“ versucht auch Heinrich eine Annäherung an die Gedankenwelt von Gewalttätern. Er begibt sich mit drei Hooligans in den Block eines Fußballstadions und schaut zu, wie sie nach dem Abpfiff einem Fan die Knochen zertreten. Es ist ein kurzer Trip in eine Parallelwelt. Die Protagonisten sind allerdings nicht so stumpf, wie man sich die Hooligan-Schädel vorstellt, wenn man sie nur aus der Ferne kennt. Zwischen den Aggressionen blitzen Liebesalltagssorgen auf. Der Samstag ist für die drei Schläger ein Ausbruchstag.
Vielleicht ist das Ausbrechen Heinrichs Grundmotiv, das mal stärker und mal weniger stark in seinen Erzählungen aufscheint – in jener etwa vom Müllmann Schubert, der eines Tages bewusstlos über einem Zaun erwacht und sich fortan wünscht, in der Zeit seines Filmrisses sei endlich einmal etwas Aufrüttelndes passiert. Oder in „Machst du bitte mit, Henning“, einer Geschichte über einen „gestörten“ Jungen. Und am allerstärksten womöglich in „Marta“.
Marta ist so krank, dass sie Blut spuckt und manchmal kaum sitzen kann. Aber sie geht nicht zum Arzt. Sie feiert weiter, unbeirrt. Bestellt jeden Morgen ihre sieben Stück Kuchen im Café, von denen sie nur einige Happen mit Red Bull hinunterspült, raucht, säuft und wirft ein, was es an Chemie so gibt. Sie ändert auch nichts daran, als der Sozialpädagogikstudent, der uns diese Geschichte erzählt, sie in der Bahn aufliest, erst mit zu sich nach Hause nimmt und dann bei ihr und ihrer Ratte Leberecht einzieht, um zu bleiben – bis sie irgendwann nur noch blutet. Und stirbt.
Der Text ist eine einzige Ausbruchsfantasie. Ein Mittelschichtsstudent wünscht sich etwas Bedeutsames, Durchschüttelndes in sein Leben und findet Marta, von der er gleichermaßen angezogen und abgestoßen ist. Mit solchen Fragen hat sich Heinrich schon in seinem Roman „Räuberhände“ befasst. Wie behütete Bubis aus durchschnittstemperierten Reihenhausleben rauswollen. Und wie plötzliche Temperaturanstiege sie so sehr ins Schwitzen bringen, dass sie diese verträgliche emotionale Einheitstemperatur dann doch wieder ganz vernünftig finden. Auch Marta, die Rebellin mit dem Eiter im Hals, reißt den angehenden Sozialpädagogen hin und her.
In „Marta“ entwickelt Heinrich einen Soundsog, der einen durch die Geschichte zieht und am Ende ein klein bisschen atemlos lässt. Man mag ihn gelegentlich für einen Überpathetisierer halten. Aber das ist gleichzeitig seine große Stärke. Dass er etwas wagt. Nicht immer passt sein Ton. Manchmal wirkt es ein wenig, als habe zum Zweck des Erzählens kurz ein junger Schriftsteller ein Müllmannhirn übernommen. Aber Heinrich zieht immer mit, zieht rein und Sachen irgendwo rauf. Dass sie groß werden, groß wirken.

Finn-Ole Heinrich - „Gestern war auch schon ein Tag“.
mairisch verlag, 156 Seiten, 16,90 Euro.